Wir stellen vor: Dieter Schwirschke, den neuen Dozenten für Gebärdensprache an der VHS Leverkusen.

Herr Schwirschke, Können Sie uns kurz schildern, wie Sie dazu gekommen sind, Gebärdensprache zu unterrichten?


In meiner beruflichen Tätigkeit als Pfarrer in verschiedenen Gehörlosengemeinden im Großraum Köln bin ich bei Begegnungen mit Hörenden in letzter Zeit sehr häufig darauf angesprochen worden, wo man denn diese tolle Sprache lernen könne. Mich hat dieses starke Interesse der Menschen an einer doch zunächst einmal sehr fremden Sprache beeindruckt, vor allem auch deshalb, weil ihnen abzuspüren war, dass sie gerne mit gehörlosen Menschen in Kontakt treten würden, um mehr aus ihrer Lebenswelt zu erfahren. Und weil ich sowohl Einblick in die Welt gehörloser wie auch hörender Menschen habe, dachte ich mir, dass ich mit meinen Kenntnissen durchaus ein Mittler zwischen den Welten sein könnte. Im Übrigen macht mir das Unterrichten einer Fremdsprache sehr viel Spaß!

 

 

 

Was hat sie dazu motiviert, als Dozent an der VHS zu arbeiten?

Mir gefällt am Selbstverständnis der Volkshochschulen, dass es ihnen zum Beispiel nicht nur darum geht, Menschen die Möglichkeit zu geben eine Fremdsprache zu erlernen. Natürlich, das auch. Aber es geht schon auch darum, Menschen dadurch am Leben, an der Kultur, an der Verschiedenheit anderer teilhaben zu lassen und neue Erfahrungen zu ermöglichen. Der einzelne Teilnehmende an einem Kurs erfährt etwas Neues für sich, und das Miteinander wird gefördert. Und dann noch zu Preisen, die für sehr viele bezahlbar sind. Da mache ich gerne mit!

 

Wie schätzen Sie die Lage der Gehörlosen in Deutschland ein, gibt es genügend Bildungsangebote, was könnte man, insbesondere in der Erwachsenenbildung verbessern?

Aus meiner Sicht hat sich gerade in den letzten Jahren sehr viel Positives mit Blick auf die Situation gehörloser Menschen in Deutschland entwickelt. Die Zahl der Bildungsangebote, der Möglichkeiten am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, ist enorm angewachsen. Dennoch lohnt es sich genauer hinzusehen und Kriterien zu entwickeln, worauf auch ein Rechtsanspruch seitens gehörloser Menschen besteht, der vom Gesetzgeber zwingend umzusetzen ist und von einer freiwilligen Leistung aus nettem Engagement zu unterscheiden ist.


Ein paar Zeilen zu Ihrer Person
Mein Name ist Dieter Schwirschke, ich bin 56 Jahre alt, verheiratet und seit fast 30 Jahren mit gehörlosen Menschen verschiedensten Alters beruflich in Kontakt als Pfarrer in der evangelischen Kirche, seit 1997 in Köln. Mich interessiert das Leben anderer Menschen, und ich schätze an meinem Beruf die Vielseitigkeit und den Kontakt mit anderen.
In meiner Freizeit suche ich dann eher den Ausgleich und mag es ruhig – ob auf Spaziergängen mit meiner Frau oder auf dem Rad.


Die Fragen stellte der zuständige Programmbereichsleiter Jürgen Samol

 


Karin Staffe ist gestorben

Die Nachricht, dass Karin Staffe gestorben ist, hat uns sehr betroffen  gemacht.

Karin Staffe war über 40 Jahre eine feste Säule in der kulturellen Bildung an der VHS Leverkusen. Sie war immer engagiert und hochmotiviert und hat sehr vielen Schauspielbegeisterten einen Weg gezeigt, sich auszudrücken und die großen und kleinen Probleme des Lebens darstellerisch anzugehen. Sie hinterlässt eine große Lücke.

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Ein Schüler kehrt zurück als Lehrer

Emal Firuz, Förderlehrer für Mathematik im zweiten Bildungsweg der VHS

 

Herr Firuz, Sie sind in Kabul, Afghanistan geboren, haben also einen klassischen Migrationshintergrund, und mit der Schule in Deutschland  hat es anfangs nicht so richtig geklappt. Trotzdem haben Sie eine beachtliche Karriere hingelegt. Einen Teil des Weges sind Sie hier gegangen, hier in Rheindorf haben Sie 1999 Ihre Fachoberschulreife erreicht. Danach haben Sie auf der Kollegschule Opladen die Fachhochschulreife erlangt und parallel eine Ausbildung zum technischen Assistenten für Elektrotechnik, speziell für Nachrichtentechnik gemacht. Sie haben dann an der FH Köln Automatisierungstechnik und anschließend Energietechnik studiert und mit einem hervorragenden Diplom abgeschlossen. Inzwischen arbeiten Sie als Ingenieur sind verheiratet und - das darf ich auch verraten – Sie sind ein erfolgreicher, mehrfach ausgezeichneter Teakwon-Do und Kickbox-Kämpfer.

 

 

Herr Firuz Sie unterrichten neben Ihrem Beruf im Bereich Zweiter Bildungsweg/Schulabschlüsse. Was hat sie dazu motiviert, als Dozent an der VHS zu arbeiten?

Es ist ein Dankeschön. Ich möchte der Schule das zurück zu geben, was ich damals von ihr bekommen habe. Ich will mein Wissen an die Jugendlichen weitergeben. Wichtig ist mir, den Jugendlichen die Angst vor Mathematik zu nehmen! Ich mache ihnen aber auch klar, dass sie im Leben insbesondere im Berufsleben ohne Mathematik nicht durchkommen. Am erfolgreichsten ist man dabei, davon bin ich überzeugt, wenn mathematische Aufgaben praxisnah vermittelt werden. Dabei helfen mir natürlich meine eigenen Erfahrungen. Aufgrund meiner Biografie kann ich auch ein Vorbild für die Schüler sein. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass ein Schulabschluss zu schaffen ist und dass damit die beruflichen Chancen wesentlich verbessert werden können. Ich will den Jugendlichen helfen, nachdem sie in der Schule zunächst gescheitert sind, wieder Selbstvertrauen zu bekommen und wieder an sich zu glauben.

 

Herr Firuz wie schätzen Sie die gesellschaftliche und kommunale Bedeutung dieses VHS-Angebots, ein?

Das Schulgebäude hat sich seit meinem Besuch 1999 durch die Sanierung 2009 sehr positiv verändert. Auch das Unterrichtsangebot, insbesondere durch das vielfältige Förderangebot hat sich verbessert. Und ich stelle fest, dass der Unterricht heute von den Jugendlichen sehr ernst genommen wird. Es ist klar, dieses Schulangebot eignet sich besonders für die Personen, die im Leben aufgrund familiärer oder anderer Probleme, ihren schulischen Abschluss nicht machen konnten. Hier haben sie eine super Möglichkeit ihren Abschluss nachzuholen und später Karriere zu machen, z.B. eine Lehre zu beginnen. Auch für Jugendliche mit Migrationshintergrund bietet diese Schule aufgrund ihrer vielfältigen Förderangebote, wie zum Bespiel Sprachkurse, eine sehr gute Chance auf eine berufliche Ausbildung. Diese Tatsache unterstreicht die Bedeutung der Schule für die Umgebung, in der auch viele Menschen mit Migrationshintergrund leben.

 

Herr Firuz, wenn Sie etwas in diesem Bereich ändern könnten, was wäre ihrer Meinung nach am dringendsten zu tun?

Das Angebot sollte noch bekannter gemacht werden und natürlich ausgebaut werden. Für einen zeitgemäßen Unterricht wäre ein Computerraum dringend notwendig. Es wäre gut, wenn zusätzliche Arbeitsgemeinschaften z.B. für EDV, Technik, Sport und Intensivkurse für Deutsch, Englisch, Mathe angeboten werden könnten. Auch Zusatzqualifikationen, wie zum Beispiel Zeitmanagement oder „Lernen zu lernen“ wären eine sehr sinnvolle Ergänzung. Eine Schulung für Lehrkräfte für den Umgang mit Problemfällen wäre sehr sinnvoll.

Und ich würde mir auch wünschen, dass die Lehrkräfte die hauptberuflich hier arbeiten, alle festangestellt werden. Schön wäre eine Cafeteria mit Sitzmöglichkeiten, dann wäre alles perfekt.

 

(Die Fragen stellte Gerd Struwe, Leiter der VHS Leverkusen)

 

 

 


Frau Morris und ihr Workshop „Modedesign“

Das Gespräch führte Anna Lungwitz, Programmbereichsleiterin für Kulturelle Bildung

 

 Lungwitz: Frau Morris, ich freue mich, dass ich Sie als Dozentin für den Workshop „Modedesign“ gewinnen konnte. Herzlich willkommen!

 Morris: Danke! Ich freue mich auch sehr. Der Workshop wird hoffentlich interessant für die Teilnehmer.

 Lungwitz:Wie stellen Sie sich den Workshop denn genau vor?

Morris: Die Leute erarbeiten ihre eigenen Entwürfe,  skizzieren sie und ich werde Ihnen helfen, Ihre Ideen zu entwickeln, zu klären und deutlicher herauszuarbeiten. Ich gebe Hinweise, wie die Ideen auf mehrere Teile zu übertragen sind, wie vielleicht eine ganze Linie daraus wird. Schön wäre, wenn die Teilnehmer so viele Materialien mitbringen, wie möglich: Stoffe, Reste, Bilder, alte Kleidung zum Zerschneiden, Lieblingsstücke, Farben, Materialbeispiele… Ich zeige dann auch gerne, wie ich selbst arbeite, wie ich Inspirationen finde. So können wir uns alle austauschen.

Lungwitz:Sie sind eigentlich Grafik-Designerin, richtig?

Morris: Ja, ich habe in New York Graphikdesign studiert, in der Werbung als Art Director in einer großen Agentur gearbeitet und als ich dann nach Düsseldorf kam, habe ich meinen Traum verwirklicht und meine Firma gegründet. Jetzt entwerfe ich meine eigene Mode nach meinen Vorstellungen.

Lungwitz:Was heißt das, was ist das Besondere an Ihrer Firma?

Morris: Mir ist wichtig, dass die Kleidung gesund, biologisch-ökologisch einwandfrei und  zugleich hochwertig, fashion-designed, elegant.

Lungwitz: Also nicht plump, schlabbrig, formlos - wie man sich Ökoklamotten so vorstellt…

Morris: Genau, ich entwerfe meinen style, und das absolut nachhaltig. Wir verwenden nur chlorfrei gebleichte Biobaumwolle fairtrade gehandelt, Leinen, Bambusseide, Material aus Kasein und Molkereiresten, sehr wichtig sind mir die Naturfarben auf Wasserbasis. Die Sachen sind absolut giftfrei, was nur möglich ist, da wir keine langen Transportwege haben, sondern in Slowenien nähen, zu guten Bedingungen für die gut ausgebildeten Näherinnen. Das ist auch ein soziales Projekt: ich habe alleinerziehende arbeitslose Frauen eingestellt.

Lungwitz: Respekt! Sie schaffen das, was die Textilindustrie in Deutschland für unmöglich erklärt. Dass das im Alleingang!

Morris: Na ja, ich möchte gute Qualität und habe hohe ethische Ansprüche. Also habe ich einen Weg gefunden, wie ich es sich vereinbaren lässt.

Lungwitz: Jetzt ist also der Weg bereitet für die kreative Arbeit, an der Sie uns ja bald teilhaben lassen. Ich wünsche den Teilnehmern und Ihnen viel Spaß! Danke.

Morris: Spaß werden wir bestimmt haben, danke fürs Gespräch.

 

 

 

 


Anne Haase und Alphabetisierung an die VHS

Seit Frühjahr 2010 unterrichtet Anne Haase an der VHS Leverkusen im Bereich Grundbildung Erwachsene, die Probleme mit dem Schreiben und Lesen haben. Gerd Struwe, Leiter der VHS, und Jürgen Samol, der zuständige Programmbereichsleiter, haben mit ihr gesprochen.

Struwe: Wie sind Sie zum Thema Alphabetisierung und an die VHS Leverkusen gekommen, Frau Haase?

Haase: Ich bin seit Langem als Dozentin für kreatives und literarisches Schreiben sowie für Akkordgitarre an Volkshochschulen tätig. Vor ungefähr zehn Jahren habe ich das erste Mal davon gehört, dass es Menschen gibt, die nicht lesen und schreiben können. Was mir damals fast undenkbar schien. Ich habe dann recht spontan einen Einführungskurs bei Peter Hubertus belegt, dem damaligen Vorsitzenden des Bundesverbandes für Alphabetisierung. Damals bin ich in eine Welt eingetaucht, die mir absolut fremd war. Anschließend habe ich in verschiedenen Kursen an der VHS Bergisch Gladbach hospitiert, und als kurzfristig ein Dozent gesucht wurde, bin ich ins kalte Wasser gesprungen und habe die Kurse dort übernommen. Für das Lernportal „Ich will lernen“ entwickelte ich Aufgaben im Schulabschlussbereich. Und darüber erfuhr ich, dass in Leverkusen jemand für Alphabetisierungskurse gesucht wurde. Für mich ist das recht praktisch, weil ich in Dünnwald wohne.

Struwe: Seit der LEO-Studie [Link Level-One-Studie] wissen wir, dass es eine sehr hohe Dunkelziffer an Analphabeten gibt. Statistisch gesehen müsste eigentlich jeder in seinem Bekanntenkreis zumindest einen Menschen mit diesem Handicap haben.

Haase: Laut LEO gibt es 7,5 Millionen funktionaler Analphabeten in Deutschland. Das sind Menschen, die Buchstaben und eventuell auch einzelne Wörter schreiben und lesen können, nicht jedoch ganze Sätze. Darüber hinaus schätzt man, dass weitere 12,5 Millionen Menschen Schwierigkeiten haben, Texte zu verstehen. Wir sprechen also von 20 Millionen Erwachsenen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben.

Samol: Nach der Statistik müssten in Leverkusen vierzehn- bis fünfzehntausend funktionale Analphabeten leben. Wir müssten also eigentlich Teilnehmer für acht bis zehn Kurse haben, statt für die drei, für die wir Interessenten haben. Unser Problem ist: Wo können wir sie erreichen? Die Scham ist sehr groß. Es fällt Betroffenen unglaublich schwer, sich zu outen. Wer will denn zugeben, dass er nicht in der Lage ist, mit der deutschen Sprache richtig umzugehen oder nur Verkehrszeichen und Bilder „lesen“ kann?

Struwe: Wenn es so schwer ist, die Betroffenen direkt zu erreichen, könnte man es vielleicht über Personen aus deren Umfeld versuchen. Gibt es Beratungsstellen an die man sich wenden kann, wenn man glaubt, jemanden zu kennen, der Hilfe benötigt? Und wo man erfährt, wie man denjenigen ansprechen soll.

Haase: Mich kann man gerne ansprechen, meine Telefonnummer steht auch im VHS-Programm. Funktionale Analphabeten sind tatsächlich oft schwer zu erkennen, weil sie gelernt haben, ihre Schwäche erfolgreich zu verstecken. Im Restaurant heißt es dann etwa: „Ich nehme das gleiche wie du“ – dann braucht man die Speisekarte nicht zu lesen. Mich bat einmal eine Frau, ihr keine SMS zu schicken, weil angeblich das Display an ihrem Handy defekt sei. Später gestand sie mir dann: „Ich hätte die gar nicht lesen können.“

Struwe: Wie fühlen sich Ihrer Erfahrung nach Menschen, die sich „outen“? Empfinden sie das als Befreiung?

Haase: Ich denke, es ist schon befreiend. Vor allem, weil diejenigen, die das schaffen, zum ersten Mal feststellen, dass sie nicht alleine sind mit ihrem Handicap. Denn vorher denkt jeder Betroffene, dass er der einzige sei, dem es so geht. Aber ich hatte auch schon Teilnehmer in den Kursen, die negative Folgen zu spüren bekamen. Die bedauern dann ihr Eingeständnis. Sie berichteten, von Arbeitskollegen gemobbt worden zu sein, nachdem die davon erfahren hatten. Ihnen wurde gesagt: „Du bist dumm. Du kannst nichts.“

Samol: Man muss sehr darauf achten, das Schamgefühl und die Würde Betroffener nicht zu verletzten. Sie müssen selbst bestimmen können, ob sie Hilfe annehmen wollen. Statt sie direkt anzusprechen, sollte man indirekte Hinweise auf mögliche Ansprechpartner und auf Alphabetisierungsangebote für Erwachsene geben.

Struwe: Wir müssen den Spagat hinbekommen, einerseits das Thema noch stärker in die Öffentlichkeit zu bringen und andererseits den Betroffenen Diskretion und Anonymität zuzusichern. Doch es bleibt die Frage: Wie können wir es schaffen, diejenigen zu erreichen, für die unser Angebot gedacht ist?

Haase: Ich merke immer wieder, dass bei den Betroffenen ein gewisser Leidensdruck da sein muss. Wer in seinem Leben klarkommt, für wen im häuslichen und beruflichen Umfeld seine Art des Lesens und Schreibens ausreicht, der muss und wird daran nichts ändern. Es können allerdings Ereignisse eintreten, die jemanden dazu bewegen, einen anderen Weg einzuschlagen. Ich hatte zum Beispiel eine Teilnehmerin, die war weit über sechzig. Sie hatte einen neuen Lebensgefährten gefunden, der etwas gemerkt und sie gewissermaßen in den Kurs geschubst hat. Die wollte gar nicht kommen. Sie war voller Angst vor dem Computer, dem Internet und dem Lernportal. Doch nachdem sie verstanden hatte, wie alles funktioniert, und dass sie mit dem Lernprogramm selbst das Tempo bestimmen kann, hab ich sie kaum noch vom Rechner wegbekommen.

Struwe: Wie lange läuft denn ein Kurs? Bleiben die Teilnehmer so lange, wie sie wollen oder gibt es formale Bestimmungen?

Haase: Wir bieten drei Kurse mit allmählich steigendem Niveau an, also von Anfängern, die Probleme mit Buchstaben und einzelnen Wörtern haben, bis hin zu Fortgeschrittenen, die sich mit dem Verstehen von Texten und den Rechtschreibregeln befassen. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, wie langwierig der Prozess der Alphabetisierung für jeden Menschen ist. Grundschüler verbringen Jahre damit, das Lesen und Schreiben zu lernen. Dazu kommt: Ihnen macht es meist Spaß, die Welt der Buchstaben zu entdecken, sie suchen überall nach Lesestoff. Erwachsene haben viel weniger Zeit dafür, sie haben einen Beruf, Familie und oft viele andere Probleme. Außerdem haben sie sich angewöhnt, Buchstaben gar nicht zu registrieren, sondern sich auf Bilder zu konzentrieren. Für uns heißt das: Es ist unrealistisch, anzunehmen, dass die Teilnehmer sich außerhalb der Kurse mit dem Lesen und Schreiben beschäftigen. Deshalb geben wir keine Hausaufgaben auf. Die Teilnehmer kommen, machen ihre Übungen, lernen etwas, gehen nach Hause, und zwei Tage später, beim nächsten Termin, haben sie einen Teil wieder vergessen. Dann gehen wir einen Schritt zurück, und setzen dort neu an. Es ist ziemlich mühsam. Ein Erwachsener braucht mindestens so lange wie ein Grundschulkind, also etwa vier Jahre.

Struwe: Wie viele Teilnehmer besuchen die Alphabetisierungskurse?

Samol: Wie gesagt, wir bieten immer drei Kurse auf drei Niveau-Stufen an. Anne Haase unterrichtet vormittags die Anfänger, Katarina Filipovic nachmittags und abends die Fortgeschrittenen. Wir haben bis zu sechs Teilnehmer pro Kurs. Manchmal findet auch ein Kurs mit nur einem Teilnehmer statt, weil das Angebot unbedingt bestehen bleiben soll.

Struwe: Bleiben Teilnehmer über längere Zeit dabei?

Haase: Das ist leider eher die Ausnahme, zumindest bei den Kursen, die ich hier in Leverkusen betreue. Aber ich weiß, dass bei Frau Filipovic einige schon seit zwei bis drei Jahren dabei sind. Manchem ist einfach nicht klar, wie viel Durchhaltevermögen erforderlich ist, um Erfolg zu haben. Schwierig ist es vor allem, wenn Teilnehmer nicht freiwillig kommen, sondern von Gerichten als Bewährungsauflage oder der Agentur für Arbeit in die Kurse geschickt werden. Da fehlt oft die persönliche Motivation.

Struwe: Haben Sie Ideen, wie wir von der VHS Motivation und Interesse weiter fördern können?

Haase: Sinnvoll wäre es, Interessenten einen kostenlosen Internetzugang zu ermöglichen, zum Beispiel in der Stadtteilbibliothek. Denn viele, die wir betreuen, haben keinen Computer. Sie könnten dann selbstständig oder unterstützt durch einen Lernpartner ins Lernportal gehen. Als Multiplikatorin kann ich Lernpartner anleiten, mit dem Lernportal www.ich-will-lernen.de umzugehen.

Struwe: Ich nehme die Anregung gerne mit. Vielleicht können wir zusammen mit der Stadtbibliothek ein solches Angebot entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Haase.

 

 

 


Peter Dünwald beendet seine Tätigkeit als Dozent

Drei Dutzend Jahre Leidenschaft für Schmuckdesign im Dienste der VHS:
Peter Dünwald beendet seine Tätigkeit als Dozent

Seit 36 Jahren verbringt Peter Dünwald den Mittwoch für gewöhnlich an der VHS Leverkusen. In drei Kursen - morgens, nachmittags und abends - werden in der Metallwerkstatt des Forums unter anderem Ketten, Ringe und Broschen aus Silber und Gold entworfen und gefertigt, Edelmetalle ziseliert und getrieben sowie Edelsteine gefasst. Schmuck- und Medaillendesign war und ist Dünwalds Leidenschaft als Künstler und Gestalter, aber auch als Dozent. Es gab Zeiten, da "prügelten" sich die Interessenten beinahe um die Plätze. Viele der Teilnehmenden hielten ihrem Kurs jahre- und jahrzehntelang die Treue. Manche waren von Beginn an dabei und sind zusammen mit dem Dozenten älter geworden. Aber es kamen auch immer wieder neue Teilnehmer und Teilnehmerinnen dazu, um sich von Dünwalds Engagement für die Schmuckgestaltung begeistern zu lassen. Seine Beobachtung: Während es Älteren mehr um Kontinuität gehe, überwiege bei Jüngeren oft der Hang zum Experimentieren. Sie besuchen einige Kurse und arbeiten dabei sehr intensiv mit, wenden sich dann aber wieder neuen Herausforderungen zu.
Auch die gestalterischen Interessen haben sich im Laufe der Zeit geändert. Wurden in der Hochzeit der kulturellen Bildung, in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, vor allem individuelle Ideen entwickelt und umgesetzt, so diene jetzt verstärkt Designschmuck als Anregung und Vorbild. Durchgängig geschätzt haben die Teilnehmenden die Ideen und Tipps von Dünwald selbst. Damit ist es jetzt leider vorbei, denn Peter Dünwald beendet seine Tätigkeit als Dozent an der VHS Leverkusen und zieht in die Eifel. Zur Ruhe setzt er sich nicht, denn sein Atelier führt er weiter, und es warten auch schon neue Aufträge. Ein Schwerpunkt wird zukünftig die Medaillengestaltung sein. Und wer weiß, vielleicht machen einige der Teilnehmenden ihre Drohung wahr, mieten einen Bus und besuchen ihn in seinem neuen Domizil, um mit ihm offene Designfragen zu besprechen.
Die VHS wünscht Peter Dünwald alles Gute für die Zukunft und bedankt sich für seine sehr erfolgreiche Mitarbeit.
Die Nachfolge ist zumindest für Vor- und Nachmittag geklärt. Andrea Roth, die schon lange als Schmuckdesignerin an der VHS Leverkusen tätig ist, wird diese beiden Kurse übernehmen.

 

 

 


Gespräch mit Marielle Bossmann

"Und niemand hat Angst, Fehler zu machen!"

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Marielle Bossmann unterrichtet Deutsch mit großer Leidenschaft

 

Marielle Bossmann (li. im Bild), unsere neue Dozentin im Programmbereich "Deutsch als Fremd- und Zweitsprache", leitet seit Januar dieses Jahres mit ihrer Kollegin Marthe Blümel einen B1-Deutschkurs. Vera Strittmatter (re. im Bild) hat mit ihr gesprochen.

Frau Bossmann, früh am Morgen machen Sie sich vom Kölner Westen auf nach Leverkusen. Was gefällt Ihnen an unserer Volkshochschule?
Für uns Lehrer sind besonders zwei Aspekte wichtig: zum einen die Institution und zum anderen das Kollegium, das ich hier als warmherzig, freundschaftlich und unkompliziert empfinde.
Die Teilnehmergruppen an der VHS Leverkusen sind besonders international und heterogen. In meinem aktuellen Kurs sind allein zehn Nationen vertreten. Und auch die Kursvielfalt - ich unterrichte sowohl in frei zu buchenden Deutschkursen als auch in Integrationskursen - erfordert hohe Professionalität, viel Engagement und Flexibilität. Eine reizvolle Aufgabe für mich!

Neben Ihren "zwei Muttersprachen" Deutsch und Niederländisch haben Sie zwei weitere Sprachen studiert, als Sprachenlehrerin und Produktmanagerin u. a. in England gearbeitet. Warum haben Sie sich entschieden, vornehmlich Deutsch zu unterrichten?
Deutsch ist ganz einfach die Sprache, die ich am besten beherrsche! Mit meinen Eltern und Kindern bin ich in Niederländisch, meiner Herzenssprache, "unterwegs". In Deutschland bin ich zur Schule gegangen und habe nach meinem Erststudium im Ausland auch "Deutsch als Fremdsprache" studiert. Die deutsche Grammatik ist im Kopf!

Seit mehr als zehn Jahren sind Sie sowohl für private als auch öffentliche Kursträger tätig. Wie lassen sich Ihre vielfältigen beruflichen Erfahrungen in Hinsicht auf Teilnehmerstrukturen, Curricula und Unterrichtsinhalte zusammenfassen?
Bevor ich meinen Unterricht plane, nehme ich möglichst genau die Zielgruppe in den Blick: Arbeite ich mit chinesischen Ärzten, die das deutsche Gesundheitssystem kennenlernen wollen, mit Sommerstudenten, die während eines Ferienaufenthalts "etwas spielerisch" ihre Deutschkenntnisse verbessern möchten, oder mit Integrationskursteilnehmern, die die deutsche Staatsangehörigkeit anstreben und sich auf die entsprechenden Prüfungen vorbereiten.
Die größte Herausforderung besteht darin, der Heterogenität gerecht zu werden, die sich aus diesen unterschiedlichen persönlichen Motivationen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen ergibt.
Und das Schönste ist schließlich, wenn es klappt, wenn Programm und Lernatmosphäre stimmen und sich der gewünschte Lernerfolg einstellt.

Gibt es ein Rezept für guten, spannenden Unterricht? Was, glauben Sie, erwarten die Deutschlernenden von Ihnen?
Mein Motto lautet: Mit Spaß und Engagement bei der Sache sein. Die Zeiten von monolithischem Frontalunterricht sind ja zum Glück vorbei, sodass alle Lerntypen zu ihrem Recht kommen. Ich will unsere Sprachkursteilnehmenden für die deutsche Sprache und auch für Deutschland begeistern. In den von mir geleiteten Kursen wird viel gelacht. Und niemand hat Angst, Fehler zu machen!

Und sonst? Verraten Sie uns, wie Ihr Tagewerk außerhalb Ihres VHS-Engagements aussieht?
Ja, gerne. Da ist meine kleine Familie mit meinem Mann und meinen zwei Töchtern im Alter von sechs und neun Jahren. Die Nachmittage verbringe ich mit meinen Kindern, unterstütze sie auch bei den Schularbeiten. In meiner verbleibenden persönlichen Zeit lese ich und tanze sehr gerne.

Frau Bossmann, ganz herzlichen Dank für unser Gespräch und dafür, dass Sie uns Einblick in Ihr berufliches Denken und Leben gewährt haben.