SHORT-STORY-PREIS 2009

Die Preisträgerinnen und der Preisträger

1. Preis

Christiane Hobrecht

 

JURYENTSCHEIDUNG

Christiane Hobrecht erhält für ihre Kurzgeschichte „Malheur„ den 1. Preis

Die formalen Kriterien einer Kurzgeschichte lassen immer noch eine Vielzahl von Variationen zu. Und die hat die Jury in ihrer ganzen Bandbreite, und darüber hinaus, in den Einsendungen gefunden. Dennoch sind die Jurymitglieder unabhängig von einander auf den Text von Christiane Hobrecht gestoßen. Ihr ist es gelungen, die zentralen Elemente einer klassischen Kurzgeschichte – ein Ereignis, ein Ort, eine Wendung – mit wenigen Federstrichen zum Leben zu erwecken. Die handelnden Personen erscheinen klar und deutlich wie auch gesamte Szene des kleinen südfranzösischen Dorfes in den Cevennen in unseren Köpfen entsteht, als würden wir mitten drin stehen oder von oben drauf schauen. Das Thema Klatsch, Tratsch und Vorurteil wird sichtbar, ohne unangenehm aufdringlich zu sein. Jede Leserin und jeder Leser kann eigene Schlüsse ziehen und wird von der Autorin zu dem Punkt geführt, an dem das Festhalten an der eigenen Position in Frage gestellt wird. Sie beschreibt, erzählt und eröffnet uns einen Raum zum Denken. Das erwarten wir nicht nur von einer guten Kurzgeschichte, sondern von guter Literatur im Allgemeinen.
Daher zeichnet die Jury Christiane Hobrecht für ihre Geschichte Malheur mit dem ersten Preis des Leverkusener Short-Story-Preises 2009 aus.
Die Autorin hat als promovierte Anglistin und Germanistin an Schulen und Universitäten in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg gelehrt. 2000 siedelte sie nach Frankreich um und war dort in der Berufs- und Erwachsenenbildung tätig. Vor zwei Jahren kam sie zurück nach Deutschland und gründete in Much im Rhein-Sieg-Kreis die „wortwerkstatt 13„, eine Schreib- und Sprachwerkstatt.
Von Christiane Hobrecht gibt es bereits mehrere Veröffentlichungen in diversen Anthologien. 2003 wurde sie mit dem Mellrichstädter Literaturwerkstattpreis (Lyrik) ausgezeichnet. In diesem Jahr kommt der Leverkusener Short-Story-Preises 2009 hinzu.

Die ausgezeichneten Kurzgeschichten

2. Preis (zweimal vergeben)

Verena Wolf

JURYENTSCHEIDUNG

Ein 2. Preis des Short-Story-Wettbewerbs 2009 geht an Verena Wolf aus Köln.

Die Preisträgerin stammt aus Alsfeld, studierte Amerikanistik und Betriebswirtschaft in Deutschland und den USA und lebt heute in Köln, wo sie als Marketing-Managerin für ein großes Versicherungsunternehmen tätig ist. Sie hat bereits mehrere Literaturwettbewerbe gewonnen, in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. Ihre Existenz als Schriftstellerin begann Verena Wolf im Kindesalter. In ihren fantastischen Geschichten wimmelte es von Drachen und Ufos. Inzwischen hat die Autorin entdeckt, dass es weitaus exotischere und monströsere Wesen gibt, über die es sich zu schreiben lohnt: Menschen in ihrem alltäglichen Tun.

Darum geht es auch in der Kurzgeschichte »Gezeichnet«, die einen der beiden zweiten Plätze im Short-Story-Wettbewerb 2009 belegt. Der mehrdeutige Titel kreist um Begriffe wie Zeichnen, gezeichnet werden, gezeichnet sein. Es geht um ein Mädchen, das an der Schwelle zur jungen Frau steht, um einen Kunststudenten, um enttäuschte Gefühle und die daraus resultierende Konsequenz im Handeln.
Die Jury überzeugte vor allem Verena Wolfs präzise und zugleich doppelbödige Erzählweise, die sich zunächst einen heiteren und beiläufigen Anstrich gibt, und so die Wucht des Erzählten abfedert. Unmerklich fast enthüllt die spielerische Sprache nach und nach den bitteren Ernst des Themas. Der imperative Stil erinnert an eine Gebrauchsanleitung oder ein Kochrezept. Um welches Rezept es sich handelt, das das junge Mädchen Greta hier befolgt, sei vorab nicht verraten. Vielleicht nur so viel: Verena Wolf zeigt in ihrer Kurzgeschichte »Gezeichnet« eindrucksvoll, dass kein Feuer speiender Drache aus der Welt der Fantastik nötig ist, um eine unheilvolle, bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen.

Die ausgezeichneten Kurzgeschichten

2. Preis (zweimal vergeben)

Thorsten Nesch

JURYENTSCHEIDUNG

Ein 2. Preis des Short-Story-Wettbewerbs 2009 geht an Thorsten Nesch aus Leverkusen.

Gepunktet wird durch Witz, durch die Figuren, durch die Satzfetzen. Themen sind: Gedränge, Gebrülle, Stockungen, auf dem Fluß stockt das Eis, sich ineinander schiebend. Stockender Verkehr. Fremdheit. Ist die Fremdheit ein Vorzug. Ist das Vorurteil ein Urteil oder Schicksal?
U-Haul heult das alte hohe Fahrzeug. Dann das Orakel des Bierbauches: Vermeidet einfach alle niedrigen Durchfahrten. Eine Tragödie also? Geburtstragödie. Der Bierbauch, das Festsitzen, das Querliegen, das Nilpferd im Wagen ... Der Hebammenblick fällt auf. Naturalistisch, rund, eine witzige Auflösung am Schluß, und was danach kommt, wenn die Luft aus den Reifen gelassen ist, und der Tunnel verlassen, das wissen die Götter.
Ne wirklich sehr sehr gute short story vom Thorsten Nesch.

Vita : Thorsten Nesch wurde 1968 in Solingen geboren. 1998 – 2003 lebte er in Kanada. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Leverkusen.

Buchveröffentlichungen: „Joyride Ost„, Jugendroman, Rowohlt Verlag, 2010, Nominierung Oldenburger Jugendbuchpreis 2008 (Verfilmung durch Erfttal Film, z.Zt. in Drehbuchentwicklung) „Strandpiraten des Lebens„, Roman, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2004

Übersetzungen (engl./dt.): Projekt AKSHAR (Rajula Shah) für Goethe Institut/Literaturhäuser im Rahmen der Frankfurter Buchmesse, 2006, „Keine Zukunft ohne Vergebung„ von Bischof Desmond Tutu Sachbuch, Patmos Verlag, Düsseldorf 2001

Darüber hinaus Film- und Radioprojekte.

Die ausgezeichneten Kurzgeschichten

3. Preis

Dorothea Schiefer

JURYENTSCHEIDUNG

Ein 3. Preis des Short-Story-Wettbewerbs 2009 geht an Dorothea Schiefer aus Leverkusen.

Dass eine gute Kurzgeschichte auch kürzer sein kann, als die Ausschreibung erlaubt, beweist uns Dorothea Schiefer. Ihre Geschichte „Klang der Freiheit„ kommt mit rund der Hälfte der erlaubten 6000 Zeichen aus.
Dorothea Schiefer ist es gelungen, in der Kürze ihrer Geschichte einen Moment im Leben eines Mannes zu beleuchten, der es uns ermöglicht, weit über den Moment hinaus in dessen Leben und Lebensgeschichte zu schauen. Und das macht sie mit der sprachlichen Ruhe, die der Person und diesem Moment angemessen ist. In Kurzgeschichten sollten keine für den Kern der Geschichte überflüssigen Dinge erzählt werden. Die Autorin schafft es, die alltäglichen Rituale, die in der Regel vollkommen unbedeutend sind, für das Ziel der Geschichte einzusetzen. Hier zeigt sich auch, dass die Kürze der Geschichte eine besondere Qualität ist. Dorothea Schiefer konnte der Versuchung widerstehen, ihren Text künstlich aufzublähen. Am Ende der Seite war alles gesagt.
Als die Jury die Autorin nach der Jurysitzung aus der Anonymität holte, gab es gleich zwei besondere Gründe zur Freude für die Leverkusener Veranstalter des Short-Story-Wettbewerbs. Frau Schiefer ist nicht nur Leverkusenerin, sie besucht auch seit 2001 den Volkshochschulkurs „Kreatives Schreiben für Frauen„. Von Beruf ist sie Arzthelferin. Sie hat in der Vergangenheit auch schon Gedichte in einer Anthologie veröffentlicht und eigene Texte in Lesungen präsentiert. Als der Leverkusener Anzeiger dazu aufforderte, Urlaubserlebnisse einzureichen, wurde auch ihre Geschichte abgedruckt.

Die ausgezeichneten Kurzgeschichten