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SHORT-STORY-PREIS 2009

Die Preisträgerinnen und der Preisträger mit den ausgezeichneten Kurzgeschichten

1. Preis

Christiane Hobrecht

Christiane Hobrecht aus Much erhält für ihre Kurzgeschichte „Malheur„ den 1. Preis des Short-Story-Wettbewerbs 2009

Juryentscheidung

 

Malheur

Jeder weiß: Je kleiner ein Ort ist, desto sensationslüsterner sind die Nachbarn. Und je abgelegener ein Ort ist, desto spektakulärer sind die Gerüchte. Was soll man also erwarten in einem Weiler von zwölf Häusern in den französischen Cevennen?
Am letzten Haus des Weilers endet die dort hinauf führende einspurige Straße, so dass nur derjenige heraufkommt, der hier auch etwas zu suchen hat, für Fremde ist sie uninteressant. Nicht jedoch für Thérèse. Thérèse wohnt im ersten Haus am Berg, oberhalb der Straße. Sie hat ihren Küchentisch so ans Fenster gestellt, dass sie nur den Kopf zu heben braucht, um alles und jeden auf der Strasse passieren zu sehen. Das hat ihr den Spitznamen Madame la Concierge eingetragen.
Seit 43 Jahren ist sie verheiratet mit Antoine, der Eigenbrötler und leidenschaftlicher Heimwerker ist – er hat nicht umsonst seine Werkstatt zur Bergseite hin gebaut, wo er ungestört bleibt.
An diesem kalten, klaren Februarsonntagmorgen sitzt er jedoch noch in der Küche, als ein dunkelblaues Auto mit weißer Aufschrift vorbeifährt. „Antoine, hast du gesehen, die Flics!“ Ein kurzes Aufblicken, Nicken, dann setzt Antoine das Studium seines Werkzeugkatalogs fort. „Du, die fahren den Weg zu Patrick hoch. Was wollen die da? Ob der Bengel Blödsinn gemacht hat? Wundern würde mich das nicht, schließlich hat ihm ein paar Jahre lang der Vater gefehlt." Antoine blättert um und lässt den Blick über die Seite schweifen. „Wie kommst du darauf?“ Thérèse verdreht die Augen. „Das habe ich dir schon mal erzählt, aber du hörst ja nie richtig zu. Patrick und seine Frau hatten sich doch getrennt. Sie sind ja erst vor zwei Jahren wieder zusammengekommen, da war Jeremy sechzehn. Vielleicht hat er geklaut? Oder vielleicht war irgendwas mit Drogen?“ Antoine schüttelt den Kopf und nimmt noch einen Schluck Kaffee aus seiner Schale, dann vertieft er sich wieder in den Katalog.
Bis ein tiefes Motorengeräusch hörbar wird. Thérèse lässt das Küchenmesser auf die Kartoffelschalen sinken und schaut hinaus. Ein roter Transporter mit blauem Blinklicht, aber ohne Sirene schiebt sich ins Blickfeld. „Antoine, guck dir das an, der Rettungswagen der Pompiers. Und er fährt auch hoch zu Patrick. Ich sage dir, das ist was Ernstes. Vielleicht haben sich Vater und Sohn gestritten und Patrick ist handgreiflich geworden, wäre ja nicht das erste Mal.“ Antoine schiebt seufzend den Katalog beiseite und schüttelt sich eine Gauloise aus dem Paket. Als wenige Minuten später wieder ein Fahrzeug vorbeifährt, sieht auch er beunruhigt hinaus. Ein weißer Kombi mit roten Streifen rollt vorbei. „Antoine, sie haben den Notarzt angefordert, da ist was Schreckliches passiert, da ist Blut geflossen, glaub mir. Vielleicht hat er seine Frau verprügelt, oder er hat sie irgendwo runtergestürzt, und jetzt liegt sie da und...“ „Mon Dieu, jetzt hör aber auf, niemand stürzt hier irgendwen irgendwo runter, du spinnst doch.“ Wütend drückt er die Zigarette aus und steht auf. „Mir reicht’s, ich gehe jetzt in die Werkstatt.“ Das Herannahen eines weiteren Fahrzeugs lässt ihn innehalten. Kopf an Kopf mit Thérèse steht er am Fenster. Der vorbeifahrende Kombi ist schwarz.

„Antoine, er hat sie umgebracht. Sie hat mir erzählt, dass sie ihn damals wegen seiner Gewalttätigkeit verlassen hat, bestimmt hat er sie zu Tode geprügelt. Wie schrecklich, so etwas hier bei uns!“ Antoine zieht sich seine Weste über. „Jetzt hör auf damit, du kannst einen ja ganz irre machen. Ich werde hinaufgehen und Patrick seine Oberfräse zurückbringen, und dann werde ich fragen, ob er meine Hilfe braucht.“ Er macht eine Kopfbewegung in Richtung Kartoffelschalen. “Und du könntest das Gratin auf den Weg bringen. Wenn ich dich erinnern darf, die Kinder kommen zum Essen.“ Damit zieht er die Tür hinter sich zu.
Als er sich dem Hof Patricks nähert, sieht er dort den Katastrophenfuhrpark sauber aufgereiht, die Ladeklappe des Leichenwagens ist geöffnet. Als er den Innenhof betritt, sieht er sofort das Blut auf dem Boden. Dann erkennt er die kräftige Gestalt Patricks, der zwischen zwei Männern an dem länglichen Behälter steht, in dem die Leiche zu vermuten ist.
Obwohl er den Schreckensszenarien seiner Frau so heftig widersprochen hat, wird ihm doch der Mund trocken, als er langsam auf die Gruppe zugeht. Wer liegt in dem Behälter? Jeremy? Janine? Selbst wenn es ein Unfall war... Aber warum dann die Gendarmen?
Als er den blutbefleckten Leichnam erkennen kann, lässt grenzenlose Erleichterung ihn schlucken. Es ist ein Fremder, vielleicht Mitte vierzig. Antoine steckt sich eine Zigarette an und zieht an ihr, bis er das Gefühl hat, dass der Rauch ihn bis in die Fußspitzen erfüllt.
Bleibt noch die Frage, was Patrick mit dem Toten zu tun hat. Als die drei Männer sich ihm zuwenden, fällt Antoines Blick auf die Blutflecken auf Patricks Fellweste. „Patrick, was ist passiert? Kann ich etwas tun?“
Patrick schüttelt den Kopf. „Danke, Antoine, aber es ist alles vorbei. Das da ist Francis, er war Metzger, meine beiden Schweine sollten geschlachtet werden. Beim ersten ging alles gut, beim zweiten hatte er gerade angefangen, als er plötzlich blau anlief und umfiel. Herzversagen, meint der Doktor.“

2. Preis (zweimal vergeben)

Verena Wolf

Ein 2. Preis des Short-Story-Wettbewerbs 2009 geht an Verena Wolf aus Köln.

Juryentscheidung

 

Gezeichnet

Spiel mit und lächle als Mutti meint, die paar Reichsmark Miete könne man gut gebrauchen, aber Vati murmelt: „Ein Kunststudent in unserem Haus, na ja.“
Drücke dich nicht ständig im kalten Treppenhaus herum, sei nur zufällig da, als der Student herunterkommt.
„Hallo! Wer bist denn du?“
Verzeih ihm das ungehobelte Duzen.
„Greta. Ich wohne hier und Sie haben sich vollgemalt.“
Ignoriere wie er verblüfft seine grünen Finger betrachtet. Denke ruhig, wie blöd er ist. „Kann ich ihre Bilder mal sehen?“
Verstehe, er zuckt die Achseln, um zu verstecken, wie einsam er ist und werte es als Zustimmung. Gehe einen Tag später hoch zur Mansarde, ihn länger warten zu lassen wäre unhöflich. Klopfe an, rhythmisch wie eine Verschwörerin im Krimi, öffne die Tür:
„Hallo Herr Stein. Da bin ich!“
Finde nichts dabei, dass er im Schneidersitz Farben mischt.
„Ach, die kleine neugierige Vermieterin. Komm rein. Aber dutz mich bloß, ich bin doch erst 21.“
Zeige nicht deine Bestürzung, wie alt er ist. Beschließe, dass dieser eine Besuch der Höflichkeit absolut Genüge tut.
Klopfe ab da immer zweimal lang, zweimal kurz, geheime Erkennungszeichen sind Künstlern wichtig. Sieh wie lang seine Wimpern sind, spüre das neue Kribbeln im Bauch. Fasziniere ihn mit dem Marlene-Dietrich-Augenaufschlag, als Klaus dich Wochen später an seiner Zigarette ziehen lässt.

Frage zweifelnd nach, als er behauptet in der schönsten Stadt der Welt Malen gelernt zu haben.
„Wirklich? In Berlin?“
„Nee Greta in Paris!“ Lache über den Witz und lass ihn wissen, dass du schon im JM-Zeltlager und im Schwarzwald warst. Beeindrucke ihn auch durch dein Kunstverständnis.
„Aber Klaus. Blaue Haut und gelbe Augen! Und alles ist schief!“
Denke nicht daran, wie schlecht Alkohol für den Charakter ist als Klaus den letzten Schluck hinunterkippt und das grüne Trinkglas vor deine Augen hält.
„Schau da durch, mich an.“
Gehorche und stehe ganz still, obwohl Klaus dich gleich bestimmt endlich küssen wird.
„Guck, alles sieht durch das Glas anders aus, aber durch diese Verfremdung erkennt man erst den Kern des Wesens.“
Seufze, weil er so aufregend nah steht.
„Das Echte will ich malen. Verstehst du?“
Nicke, obwohl er Unsinn redet und lass deine Finger seine streifen, nimm ihm das Glas ab, halte es kokett hin und hauche filmreif:
„Kann ich auch Wein haben?“
Als er dir kopfschüttelnd viel mehr als den Schluck einschenkt, mit dem du heimlich gerechnet hast, kichere ruhig. Trinke, falls du kleckerst, das macht hier nichts. Trinke ab sofort regelmäßig bei ihm was.

„Malst Du mich auch mal?“
„Vergiss es!“
Nimm es nicht übel. Schmeichle ihm, dass seine Werke bald in der großen deutschen Kunstausstellung hängen, in der du mit der Schule warst.
„Das glaub ich nicht.“
„Weil du nicht gut bist oder weil du entartete Kunst malst?“ Zeige so, dass du weder klein noch dumm bist! Sein langes Schweigen ist gemein. Geh beleidigt. Verzeih ihm Dienstag, weil er es ohne dich nicht aushält. Verstehe, dass es eine Liebeserklärung ist, als er sagt:
„Es war komisch, als du nicht mehr da hocktest wie eine Haselmaus.“
Spüre, wie dein Herz schlägt und dulde die Modelle, die er alle immerhin nur ein einziges Mal zeichnet. Bleib sachlich, als sie sich für Aktzeichnungen ausziehen:
„Das ist liederlich.“
„Eifersüchtig?“
„Quatsch! Aber das sind bestimmt jüdische, leichte Mädchen.“
„Greta, bitte!“
„So was seh ich.“
„Red nicht von Dingen, die Du nicht verstehst.“
Was sich liebt, das neckt sich. Beobachte ihn, ob er sich verrät, wenn er konzentriert aus den schnellen Skizzen ein Bild formt, auch wenn es Stunden dauert. Schlafe nur einmal darüber auf dem Sofa ein, träume davon was du als letztes siehst: Klaus, der ultramarine Farbe aufträgt und mit sicheren Strichen verteilt.

„Was hättest du als Romeo gemacht?“ Halte „Shakespeares Werke“ hoch.
„Bist du nicht ein bißchen jung dafür?“
„Julia war dreizehn. Ich bin schon vierzehn und beim BDM!“
Ignoriere sein blödes Schmunzeln.
„Ich hätte Julia gemalt. Dabei wäre ich nah gewesen wie nie und danach, kein Interesse mehr. Problem gelöst.“
„Hast du das schon getan?“
„Klar. Funktioniert jedes Mal.“ Verschränke deine Arme, weil das so ungerecht ist.
„Und was ist, wenn sie nicht gemalt werden will?“
„Warum sollte sie nicht? Sie weiß es ja nicht.“
Klau einen von Muttis Lippenstiften. Künstler verehren Musen!

Blättre wartend die Leinwände durch, als Klaus im Nebenzimmer ist. Asche ungeniert auf den Boden. Erstarre. Zieh so heftig an der Zigarette, dass die Glut hell aufglimmt. Bemerke kaum, wie Klaus eine Weinflasche hochhaltend hereinkommt und sein Blick erschrocken auf das Gemälde fällt: Ein blau-grünes Mädchen, schlafend auf einem alten Sofa. Die Ähnlichkeit ist frappant. Verlasse schweigend die Mansarde. Bleibe nicht stehen als er ruft:
„Greta, jetzt renn bitte nicht weinend weg.“
Liege stumm auf deinem Bett, weil niemand jemals so gemein zu dir war. Starre stundenlang an die Decke deines Kinderzimmers. Wünsche dir, dass du Klaus nie wiedersehen musst. Beruhige dich, als du merkst, musst du auch nicht. Erinnere dich daran, dass du schon rauchst, Wein trinkst, wie ein Filmstar Lippenstift trägst, dass du erwachsen bist. Mache dir klar, was zu tun ist, plane es, tue es am nächsten Morgen.
Lausche am selben Nachmittag auf die Schritte im Treppenhaus, die zu Klaus hinaufgehen. Erhasche durch den Spalt der Wohnungstür einen Blick auf ihn, als sie ihn wegbringen. Nimm befriedigt zur Kenntnis, wie blass er ist und wie Vati sein Unwissen beteuert, als sie die Zeichnungen des Studenten holen, seine Skizzen, Gemälde und Bilder. Höre die männlichen, starken Stimmen:
„Haben wir alle?“
„Jawohl!“
Bleibe unsichtbar und verschweige großmütig, dass sie sich irren, dass ihnen ein blau-grünes Bild sehr wohl entgangen ist. Denke triumphierend dran, wie es sicher versteckt unter deinem Bett liegt. Für immer.
Lächle!

2. Preis (zweimal vergeben)

Thorsten Nesch

Ein 2. Preis des Short-Story-Wettbewerbs 2009 geht an Thorsten Nesch aus Leverkusen.

Juryentscheidung

 

U-HAUL

Es war stockdunkel auf dem Parkplatz des Kleinlasterverleihs U-Haul in Calgary. Der humpelnde Vollbart mit Bierbauch führte meine Freundin Maria und mich nach Unterzeichnung des Vertrages in einem nach Moder und Alkohol stinkenden Bauwagen über den leeren, mit Schlaglöchern übersäten Parkplatz zu dem einzigen Truck, der noch da war. Selbst unbeladen stand das Ding so schief wie eine Citroen 2CV Ente in der Kurve. Ich fragte „Schläft da ein Nilpferd drin?“
„Wer ist der Fahrer?“, kam es kurz zurück von dem Mann.
Ich hob die Hand.
„Klar... Deutscher... da kann ich dir ja unser gutes Stück anvertrauen... dann kennst du dich ja auch mit Schaltgetriebe aus... ich könnte dir Geschichten erzählen... aber lassen wir das“ er zog die Tür knarrend auf „Also... Choke... iss klar... 1. Gang so... Zweiter... Dritter... Vierter hier.... Fünfter so... na... so! Fahr im 2. Gang an, der Erste ist nur für extreme Steigungen... wie gesagt... also 2. Gang zum Anfahren und pump mit dem Gas ein paar mal... Tank ist voll, und so auch zurück, sonst Kaution weg, eine Beule mehr oder weniger macht nix, aber bei Radschaden Kaution weg, Dachschaden Kaution weg... vermeidet einfach alle niedrigen Durchfahrten.“

Langsam rollten wir mit unserem Vehikel durch den Feierabendverkehr. Ich war froh, endlich würden wir wegziehen aus dieser Stadt. Ich kurbelte das Seitenfenster herunter, das nach ein paar Zentimetern einfach bis zum Anschlag herunterrutschte. Der -20 Grad kalte Fahrtwind biss mir im Gesicht. Das Fenster klemmte.
An der nächsten Kreuzung verwechselten wir die Geradeaus- mit der Abbiegespur, und dann stellten wir fest, es war gar keine Geradeaus-Spur. Es war eine 4-spurige Einbahnstraße, auf der wir einer kleinen Verkehrslawine entgegenzuckelten. Fernlichter wurden 4-spurig aufgeblendet. Dann fanden wir heraus, dass selbst vier Spuren zu wenig für den Wendekreis dieses Ungetüms waren. Der Verkehr stand. Wir standen. Gehupe.
Wo war der Rückwärtsgang ?
Hatte er uns gar nicht gesagt.
Jemand schrie, „HEY SETZT EUCH WOANDERS N SCHUSS!!“
Der Truck ruckelte zurück. Meine schweißnassen Hände rutschten vom Lenkrad ab. Motor abgewürgt. Gehupe - Fernlichthupen aus 3 Metern Entfernung 4-spurig.
Choke - 2. Gang - Pumpen - das Orgeln des Anlassers. BROOOOM. Wir hoppelten langsam vorwärts. Ein Cowboy mit Stetson schlug uns auf die Außenwand, „YEEEEHAAAW, REIT IHN ZU BABY!!“
Maria sagte, „Weißt du was... lass uns den Verkehr umgehen...“
„Okay.“
Und sie lotste uns durch ihre Heimatstadt Calgary.

Angesichts der niedrigen Doppelbrücke, auf deren untere Fahrbahn wir unweigerlich - und ohne eine Chance zu drehen - zusteuerten, sagte ich „Maria, du machst Witze!“
Je näher wir kamen, desto niedriger erschien die Brücke über den zugefrorenen Bow-River, dessen Eisschollen sich seit Wochen meterhoch verschachtelt hatten.
Maria sagte leise, „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Brücke so flach war.“
„Wahrscheinlich, weil du das letzte mal mit einem Auto durch bist?!“
„Stimmt... Ich dachte wir umfahren den Verkehr weiträumig...“
Das einzige, was wir wirklich weiträumig in dieser Nacht taten, war den Spätfeierabendverkehr dieser Millionenstadt zu stauen. Nicht nur war die Brücke niedrig, nein, der Abstand der Doppelbrücke verjüngte sich auch zum anderen Ende hin! Die obere Fahrbahndecke wurde niedriger und niedriger. Nach einem Drittel der Strecke hatten wir schleifenden Kontakt mit unserem Dach. Ich schaltete runter in den 3. Gang. Der Widerstand wurde größer und ich schaltete in den Zweiten. Ich sah, wie Maria sich die Augen zuhielt „Mach die Augen auf! Sieh, was du tust! Schau zu, was du anrichtest!“
1. Gang, Gänsefüßchengeschwindigkeit. Der Diesel röhrte und qualmte vorne und hinten. Das Schlieren und Kreischen von Metall auf Beton über uns, als übergäbe sich ein russischer Panzer, während ich am Lenkrad zog und drückte, als säße ich auf einer Rennsau.
Maria spielte mit monotoner Stimme auf unseren Umzugstag an, „Ich hoffe, es regnet morgen nicht.“
„Iss doch egal - NASS WERDEN WIR HIER UNTEN NICHT!!“
Der Motor soff ab.
Ich jammerte „Will uns diese Stadt nicht gehen lassen?“
Wir steckten fest. Fernlichter. Gehupe. Die letzten Rücklichter vor uns verschwanden. 20 Meter fehlten uns. Ich dachte an mein Touristen-Visa und meinen nichtvorhandenen Internationalen Führerschein. Kaution und Auszug aus dem Paris rückte in Anbetracht eines Abends mit Feuerwehr, Polizei und lokalem Fernsehsender auf einer der wenigen Verkehrsadern, welche die beiden Hälften dieser Millionenstadt miteinander verbanden, in weite Ferne.
Ein vollbärtiger Hüne in kompletter Calgary Flames-Eishockey-Fan-Montur riss meine Fahrertür auf und brüllte „WENN ICH WEGEN EUCH VERDAMMTEN ARSCHLÖCHERN DEN ANPFIFF VERPASSE, REISS ICH EUCH DEN VERDAMMTEN ARSCH AUF!“, dann verschränkte er seine Arme und starrte mich regungslos an.
Die kalte Luft roch nach billigem Fusel und Abgasen.
Maria rieb sich den Bauch, „Mir ist schlecht.“
Mir war auch schlecht. Unsere drei Gesichter im fahlen Schein der vorbeifahrenden Wagen. Mehrere Silhouetten marschierten heran. Der Fan knurrte leise, „Die wollen alle zum Spiel.“
Maria flüsterte zu mir, „Was sollen wir tun?“
In der Reichweite eines kanadischen Eishockey-Fans mit einer Unterarmbehaarung, die meine wie einen Babyflaum erscheinen ließ, fiel es mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.
„Hey“, sagte eine andere Stimme, „Hattet ihr nicht schon die 28. Avenue zugeparkt!?“
Es war der Cowboy mit dem Stetson!
„Ja... haben wir“, seufzte ich.
„Wo kommst du her?“
„Deutschland.“
„Ich denke, da lernt man anständig fahren?!“
Ich nickte nur.
„Na...“ sagte er mit der größten Ruhe und Selbstverständlichkeit „Dann lassen wir mal etwas Luft aus den Reifen“
Ich hätte beinahe meinen ersten Menschen mit Schnauzer und Stetson geküsst.
Lächerlich einfach krochen wir mit vier halbplatten Reifen von der Brücke und hupten zum Abschied und zum Dank.

3. Preis

Dorothea Schiefer

Ein 3. Preis des Short-Story-Wettbewerbs 2009 geht an Dorothea Schiefer aus Leverkusen.

Juryentscheidung

 

Klang der Freiheit

Der Alte kletterte mühsam aus dem Bett. Er blinzelte ins Sonnenlicht und gähnte. Dann schlurfte er ins Badezimmer. Die Beine am Morgen besonders steif und ungelenk, setzte er tastend einen Fuß vor den anderen. Auf dem Weg hielt er sich an jedem Türrahmen fest, im dämmrigen Flur an der alten Kommode.
Schon lange schlief er auf der Couch in der Stube.

„Ich habe es noch einmal geschafft“, nuschelte er seinem Spiegelbild zu. Er zitterte, als er seine Morgentoilette beendet hatte.
Dann trat er den Rückweg an. Sein Magen knurrte. Doch zuerst musste er den Goldfisch versorgen. Er tastete sich bis zur Stube vor und schlurfte zur Anrichte. Darauf stand das große, bauchige Glas, in dem seit Jahren ein Goldfisch kreiste. Der Alte hatte schon einige überlebt.
„Du bist nun der Letzte“, sagte er mit seiner heiseren Stimme, die das Reden nicht mehr gewohnt war, und nickte Richtung Glas. „Du bist ausersehen, mich zu überleben.“

Der Goldfisch drehte weiter seine Runden, blieb aber nahe an der Wasseroberfläche.
„Ja, ja, du kriegst ja. Es ist Frühstückszeit, ich weiß. Henkersmahlzeit – für uns beide, ja, ja, ich weiß.“
Der Alte griff nach der Dose Fischfutter und ließ einen Löffel der bunten kleinen Blättchen ins Wasser segeln. Er sah dem Fisch zu, der gierig nach jedem Stück schnappte.

Der Alte drehte sich um und schlurfte in die Küche. Jetzt war er dran. Mühsam richtete er sich sein Frühstück. Schweißperlen bedeckten seine Stirn. Bedächtig mümmelte er auf seiner Brotscheibe. Dann schlürfte er den heißen Kaffe. Seine verkrüppelten Hände zitterten stark, als er die Tasse ungelenk auf dem Tisch absetzte. Ein paar Tropfen bildeten frische, braune Flecken neben den vielen, eingetrockneten auf dem verblichenen Tischtuch.
Als er fertig war, humpelte er zurück in die Stube. Mitten im Raum blieb er stehen, schwer stützte er sich dabei auf eine Stuhllehne. So stand er lange, starrte vor sich hin und lauschte. Als er sich einen Ruck gab und streckte, fiel sein Blick auf das Goldfischglas.
„Ja, du“, sagte er und trat näher. „Was mache ich mit dir? Da, wo sie mich heute hinbringen, sind keine Tiere erlaubt. Nicht mal du.“
Einen Augenblick sah er dem Fisch bei seinen Runden zu.
„Nein du“, wiederholte er, „da, wo ich hingeh` is` kein Platz für dich.“ Er schüttelte den Kopf.
„Und die anderen? Was werden sie mit dir machen?“ Er hielt inne. Dann sagte er entschlossen:
„Nein, dich kriegen sie nicht in die Finger!“
Dann machte er sich daran, das Goldfischglas anzuheben. Doch seine Kraft war längst verschwunden. Er schaffte es nicht, das volle Glas zu packen. So humpelte er in die Kammer und von dort in die Küche. Er kam zurück in die Stube, hob die Tasse und schöpfte Wasser in den Eimer, bis das Glas fast leer war. Der Fisch flitzte in Panik hin und her.
„Ruhig, Freund“, murmelte der Alte zwischen zusammengepressten Lippen hervor, „gleich haben wir es geschafft.“
Keuchend schleppte er das Glas zum Klo.
Lang hielt er den Knopf gedrückt. So lange, dass seine Hände weiß wurden und sein Arm lahm. Dann nahm er die andere Hand und drückte weiter. Die Spülung rauschte lange. Sie dröhnte durch das alte Haus. Der Alte horchte:
„So also hört sich die Freiheit an“, sagte er.

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